Warum Eric Schmidt auch mal Blogger beleidigt

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Mit kräftiger Blogger-Schelte würzte Google-Chef Eric Schmidt seine Rede bei der Tagung des US-Verlegerverbands American Society of News Editors. Schmidt sprach am Sonntag in Washington, D.C. beim amerikanischen Verlegerverband nicht nur salbungsvoll über Bedeutung des Journalismus für das Funktionieren einer Demokratie. Zeitungen machen bezeichnet er als eine Kunst – vor allem verglichen mit dem, was Blogger so treiben. Mag Schmidt auf einmal keine Blogger mehr? Hat Google nicht 2003 Blogger.com übernommen und ist heute einer der größten Bloganbieter der Welt? Ist Google nicht auch bei der Re:Publica einer der Topsponsoren? Das schon. Aber:

Das Verhältnis von Google zu den Medienunternehmen ist ein Zweischneidiges. Natürlich liefert Google ihnen Leser und Anzeigen auf ihre Webseiten, und natürlich profitiert Google ein Stück weit auch davon, dass das Netz einen teil seiner Attraktivität auch durch die Inhalte bekommt, die die Verlagshäuser im Netz publizieren.

Das ändert aber nichts daran, dass beide Seiten knallharte Konkurrenten im Wettbewerb um Anzeigengelder sind. Medienmogule wie Rupert Murdoch und Hubert Burda haben in den letzten Monaten öffentlich lauthals gegen Google getrommelt und sogar kartellrechtliche und gesetzliche Schritte verlangt, um Googles Macht zu beschränken.

Natürlich ging es deshalb bei Schmidts Auftritt deshalb auch darum, die Wogen zu glätten, Gemeinsamkeiten zu betonen und zukünftige Win-Win-Situationen heraus zu arbeiten. auch um die Probleme der Medienunternehmen, mit Nachrichten und Inhalten im Netz Geld zu verdienen. „Wir haben ein Problem mit den Geschäftsmodellen, kein Nachrichtenproblem“, stellte er etwa klar.

Nachrichten und Nachrichtenproduzenten gibt es ja inzwischen mehr als genug – auch weil nicht nur die Medienunternehmen, sondern auch die Internetnutzer inzwischen produzieren. Aber um Schönwetter zu machen, betonte Schmidt als höflicher Gast mehrfach die Bedeutung der Verlage in der neuen Informationswelt.

„Wir sind nicht im Nachrichtengeschäft und ich bin nicht hier, um Ihnen zu sagen, wie man einen Zeitung leitet. Wir sind Computerwissenschaftler, und glauben Sie mir, wenn wir die Verantwortung für die Nachrichten hätten, wären sie unglaublich genau, unglaublich organisiert und unglaublich langweilig“, sagt er etwa. Und weiter: „Was Sie tun, ist eine Kunst. Und wenn Sie sich jemals fragen, welchen Wert das hat, was die Zeitungsherausgeber tun, schauen Sie sich die Welt der Blogs an. Das ist alles, was Sie sich ansehen müssen.“

Autsch. Das saß. Die Zeitungsverleger grinsten und freuten sich.

Bei vielen Netzpublizisten kam dieser herablassende Satz über die Blogger dagegen gar nicht gut an.

„Google’s Schmidt to Bloggers: Drop Dead!“, titelte etwa Curt Hopkins auf Readwriteweb.

„Ich weiß gar nicht, wo ich hier anfangen soll“, schreibt der ehemalige Reuters-Journalist in seiner Kritik an Schmidt.

Natürlich ist Schmidts Verallgemeinerung Quatsch, dass alle Verlage journalistische Qualität und alle Blogger sie eben nicht liefern. Dazu muss man nicht einmal das Zeitschritfen-Portfolio des Bauer-Verlags der Arbeit von engagierten Netzpublizisten gegenüber stellen. Auch darüber, dass immer mehr Zeitungen und Zeitschriften munter PR und Redaktionelles vermischen, ist viel geschrieben worden.

Aber so ernst war das alles meiner Ansicht nach auch nicht gemeint.

Ein Kommentar in einem Beitrag zu Schmidts Rede verglicht Schmidt treffend mit einem Fuchs, der auf der Nationalen Hühnermesse herzlich empfangen wurde und voll des Lobes für die Branche war. „Ihr alle macht einen tollen Job mit dem Eierlegen. Ich lege keine Eier, und wenn ich es versuchen würde, wären die Ergebnisse zum lachen. Also, macht alle weiter mit eurer exzellenten Arbeit, und ich mache weiter meinen Job“, schrieb der Surfer John Maggs. Auf dass die Branche die freundlichen Worte schluckt und befriedet nach Hause geht. Und damit natürlich verschläft, dass Google nicht nur der Freund und Helfer ist, der Anzeigen, Aufmerksamkeit und Leser bringt, sondern ein Konkurrent, wie ein weiterer Surfer, Pete, anmerkte. „Google and Facebook haben das selbe Geschäftsmodell wie eine Zeitung. Sie versorgen Menschen kostenlos mit Informationen, und Werbetreibende kostenlos mit Zugang zu den Konsumenten. Tagträumereien über neue Geschäftsmodelle werden die Zeitungen nicht retten.“

Ich denke auch, dass Schmidt darauf setzte, die Branche mit warmen Worten einzulullen. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Google etwa vorhat, Verlage in Zukunft für Snipptes und Links zu bezahlen oder die Werbedollar neu aufzuteilen. Noch weniger wird der Suchmaschinenriese ihnen Einblick in die Suchalgorithmen oder eine Mitsprache bei der Ergebnisanzeige gewähren. Aber Schmidts der tiefen Sympathie können sich diejenigen, die nächstes Jahr leider nicht zum Branchentreffen kommen werden, weil es ihre Zeitung nicht mehr gibt, wenigstens sicher sein.

In der Sache also blieb Schmidt hart, und um das zu Kaschieren, nahm er ein wenig Blogger-Schelte als Kollateralschaden im Kauf. Also alles halb so wild? Nein, glaubt Curt Hopkins.

Auch Schmidt und Google schaden solche Reden, weil sie unglaubwürdig werden und man irgendwann nichts mehr darauf gibt, was sie sagen. „Das Problem ist, dass Schmidts Aktionen ein Muster der Heuchelei erzeugen, wenn es um Themen wie Informationen und Privatsphäre geht“,„Wenn Schmidt nur der CEO des weltgrößten Herstellers von Wasserleitungen wäre, wäre das vielleicht egal. Aber er ist es nicht, und deshalb ist es das nicht.“

P.S. Noch eine Amerkung von Readwriteweb ist es wert, hier noch einmal aufgegriffen zu werden: „Wir haben die gleichen Ziele“, sagte Schmidt den Verlegern. „Google glaubt an die Macht der Informationen. Wir glauben, dass es besser ist, mehr Informationen zu haben als weniger Informationen zu haben. “ Das klingt natürlich toll, vor allem, wenn man sich auch Googles öffentliche Bekenntnisse zu einem Wert wie Offenheit vor Augen hält (den Artikel muss ich auf diesen Seiten auch noch mal auseinander nehmen).

Schade nur, dass ausgerechnet Eric Schmidt nichts davon hält, wenn Journalisten ihre Arbeit machen und Informationen sammeln und veröffentlichen – etwa welche, die sie mit Hilfe von Google über ihn gefunden haben. Ein Jahr lang durfte kein Googler dem Verlag CNET Interviews geben, weil es CNET-Journalistin Elinor Mills gewagt hatte, zu veröffentlichen, was sie mit Hilfe von Google über Eric Schmidt gefunden hatte.

P.P.S.

Wer zu viel Zeit im Leben hat, kann sich auch die gesamten 45 Minuten anschauen:

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