Der „Quit Facebook-Day“, zu dem gestern zwei kanadische Programmierer aufgerufen haben, war ein netter Versuch, aber im Grunde genommen ein Flop. Damit stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten Webnutzer haben, gegenüber Unternehmen wie Google oder Facebook, Apple, Amazon und allen anderen Internetgiganten gemeinsam Interessen zu artikulieren.
So Aktion war eigentlich etwas, was ich mir immer gewünscht habe: Netznutzer tauschen sich über ein Problem auszutauschen (hier: Datenschutz auf Facebook) und entwickeln eine Aktionsform, die die Netzriesen direkt zu spüren kriegen.
Die Idee, dass die Netzgemeinschaft klug und wirkungsmächtig für ihre Interessen streiten kann, hat für mich etwas Utopisches, Ermutigendes und etwas zutiefst Demokratisches. Ich denke, wir haben sehr wohl mitzureden, wenn Unternehmen Dinge entscheiden, die uns alle betreffen.
Und was Facebook entscheidet, betrifft, obwohl niemand gezwungen ist, dort Mitglied zu sein, so viele Menschen, dass ich denke, dass solche Entscheidungen schon auch eine Sache der Öffentlichkeit sind. Facebook hat fast 500 Mio Nutzer, wird 570 Milliarden Mal im Monat angeklickt.
Facebook verzeichnet als meistbesuchte Internetseite der Welt so viele Page-Views wie alle anderen 99 größten Netzangebote zusammen. Facebook-Seiten werden beispielsweise 72 Mal häufiger als alle Wikipedia-Seiten geklickt.
Was Facebook tut, setzt Standards und prägt das Leben von Millionen.
Netzriesen wie Facebook, aber auch Google, prägen inzwischen Zusammenleben und Gesellschaft in einer derart dominanten Weise, dass es nötig ist, Ein- und Widerspruch gegenüber bestimmten Praktiken so zu artikulieren, dass sie gehört werden.
Der gestrige Versuch, das zu tun, war allerdings ein Flop. Zwar haben bis heute mehr als 34.000 Menschen auf „Quit Facebook Day“ erklärt, dass sie ihre Mitgliedschaft bei dem Sozialnetzwerk beenden wollen. Zu ihnen kann man noch 1.500 Leute, die sich von Facebook auf der Seite Ausgestiegen.com los gesagt haben, hinzu zählen.
Verglichen mit dem rasanten Zugewinn an Nutzern, den das Sozialnetzwerk weltweit verbuchen kann, ist diese Zahl natürlich verschindend gering. Allein in Deutschland haben 600.000 Menschen sich im letzten Monat neu bei Facebook angemeldet.
„Stell dir vor, es ist Quit-facebook-Day und kein Schwein macht mit“, urteilte Thomas Hutter entsprechend bissig in seinem Blog. “Netter Versuch, aber mehr beleibe nicht”, heißt es auf Basic Thinking.
Wie aber kam es zu dem Flop? Dass die Netzöffentlichkeit grundsätzlich dazu in der Lage ist, mächtige Kampagnen zu Themen, die alle angehen – etwa zur Vorratsdatenspeicherung oder zu den Netzsperren – zu erschweren, steht außer Frage.
Auch die Ausgangsbasis für einen Facebook-Protest war eigentlich gut: Grund genug, Facebook den Rücken zu kehren, liefert das Unternehmen seinen Nutzern seit langem.
Facebook sammelt nicht nur mehr Daten über Nutzer und ihr Verhalten als die meisten anderen Netzunternehmen. Es verkauft diese Daten auch ausgiebig an Dritte, und eine lange Reihe von Verschlimmbesserungen im Bereich der Datenschutzeinstellungen zeigt, dass das Unternehmen die Nutzer nicht mit Respekt betrachtet, sondern als Ressourcenpool versteht, über den es nach Belieben verfügen darf.
In der Folge bekannten sich etliche Internet-Prominente dazu, genug vom Facebooks miserabler Datenschutzpolitik zu haben.
Gescheitert ist die Aktion trotzdem, und zwar an zwei Dingen: Zum einen haben es die Initiatoren nicht geschafft, die breite Masse der Nutzer zu erreichen. Die Diskussion um die Datenschutzprobleme der Plattform ist ein auf eine Netzelite beschränkter Diskurs geblieben, an dem Webdesigner, Datenschützer und Vielsurfer teilnahmen, aber nicht die ganz normalen Durchschnittsnutzer. Eine Umfrage zeigte, dass nur 11 Prozent aller aktiven US-Facebooknutzer überhaupt von der Aktion gehört hatten. In anderen Ländern dürften es noch weniger Menschen gewesen sein.
Zugleich zeigte sich, dass ein Verzicht auf Facebook für viele Nutzer nicht in Frage kommt. Das war auch den Initiatoren klar. „Etwas wie Facebook aufzugeben, ist etwa so wie das Rauchen aufzugeben“, schreiben auch sie auf ihrer Seite.
Trotzdem, ist das war der zweite und entscheidende Fehler, beharrten sie darauf, den Facebook-Ausstieg als Ziel zu formulieren. Dass der aber für die meisten Facebook-Nutzer keine Alternative ist, hätte man vorher wissen können. Unter anderem wies die Netzexpertin Danah Boyd wies im Vorfeld der Aktion darauf hin, dass viele Facebook-Nutzer extrem viel Zeit in das Knüpfen ihrer Facebook-Verbindungen investiert hätten und deswegen nicht bereit sein, Facebook zu Gunsten eines anderen Netzwerks zu verlassen.Nur ein Fünftel der Menschen, die überhaupt von der Aktion gehört hatten, hatten erklärt, sie könnten sich ebenfalls vorstellen, Facebook zu verlassen.
Gegen Facebook grundsätzlich zu protestieren (oder bei einem Thema wie Street View zum Beispiel grundsätzlich gegen Google), ist für viele als wollte man gegen etwas so Selbstverständliches wie das Wetter protestieren – so selbstverständlich ist diese Plattform Teil des digitalen Lebens. „Facebook gibt uns das Gefühl, gesehen und bewundert zu werden. Es ist der postmoderne Pausenhof, auf dem wir unsere Beziehungen pflegen wie Grundschulkinder“, schreibt Frauke Böger in der taz.
Was folgt daraus? Zum einen, dass es jedenfalls möglich ist, mit solchen Aktion Themen zu setzen.
Viele Journalisten jedenfalls nahm das Thema Quit-Facebook-Day begierig auf. Und Vision Critical entdeckte, dass 81 Prozent der Leute, die man zum Thema Facebook befragte, Facebook vorsichtiger als früher nutze. Solche Aktionen haben also durchaus den Effekt, dass sie die Nutzer sensibilisieren.
Für mich folgt als Lehre aus dem Quit-Facebook-Day, dass man sich sehr genau überlegen muss, wie man gegen was genau protestiert. Ohne Akzeptanz einer Aktionsform bei der breiten Masse der Nutzer geht es nicht. Wer etwas vorschlägt, was kaum einer tun will, muss sich nicht wundern, dass kaum einer mit macht. Egal, ob es bei einer ähnlichen Aktion gegen Geschäftsbedingungen bei Google, Datenschutzregeln bei Facebook, Vermarktungsversuche bei StudiVZ oder was auch immer geht: Die Masse der Betroffenen muss mit ins Boot, sonst bleiben der Diskurs elitär und die Auswirkungen einer Protestform, bei der es um Masse geht, überschaubar.
Vor allem aber muss man, wenn man an große Netzgiganten Signale schicken will, die Nutzer zu Aktionen auffordern, die nicht ihr ganzes Nutzungsverhalten in Frage stellen (auch wenn man es vielleicht für haarsträubend hält), sondern es akzeptieren und als Ansatzpunkt aufgreifen.
Sinnvoller als die Aufforderung, Facebook zu verlassen, könnte es vielleicht sein, alle Facebook-Nutzer das nächste mal dazu zu bewegen, zu einer bestimmten Zeit eine ganz bestimmte Aktion zu unternehmen. Diese Quit-Facebook-Day wird Mark Zuckerberg in Ruhe ausgesessen haben, und auch im Googleplex wird man angesichts dieser fehlgeschlagenen Demonstration der Nutzer nicht gerade mit den Knien schlottern. Vielleicht ändert sich das, wenn Facebook-Kritiker nächstes Mal nicht zum Verzicht aufrufen, sondern dazu, die Daten im Profil oder den Beziehungsstatus ändern, oder ein bestimmtes Foto, etwa mit einem „Gib unsere Daten nicht weiter“-Logo, hochzuladen.
P.S. Hinweisen möchte ich auch in diesem Zusammenhang gerne auf die Salonreihe der I-15-Initiative, in deren Blog ich den Beitrag ebenfalls gepostet habe.
Schlagworte: Facebook, Facebook Boykott, Google, Internetnutzer, Netzdemokratie, Netzpolitik, Selbstbstimmung














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[...] Diese Drohung ist ernster zu nehmen als die Ankündigung von Nutzern, etwa ihr Facebook-Konto aufzugeben, denn der reine Wechsel der Suchmaschinenseite bringt für die Nutzer keine Transaktionskosten [...]