Googles betriebsblinde Firmenkultur: Wenn allein Ingenieure regieren

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Der Google-Chefentwickler Don Dodge gewährt einen interessanten Einblick in das Arbeitsleben und das Selbstverständnis von Google. Sein Fazit: Die Ingenieure regieren – und das ist auch gut so. Dabei weißt Googles Führungs- und Managementmodell eklatante Schwächen auf.

Intel-Gründer Andy Groove hat Google einmal als eine „Firma auf Steroiden“ bezeichnet, „mit einem Finger in jeder Branche”.

Doch obwohl Verleger, Werbeagenturen, Handelsunternehmen und Navigationsgerätehersteller mit erleben, wie Google ihre Geschäftedurcheinander wirbelt und viele andere Branchen davor zittern, dass sie ins Visier der Entscheider in Mountain View gelangen, ist deutlich: Google gelingt nicht alles, wie in paar Beispiele zeigen.

a) Google baut mit Buzz einen Kommunikationsdienst auf, der per Grundeinstellung eigenen Google Mail-Kontakte sichtbar für Dritte waren und den selbst ein keineswegs technologie-skeptischer Beobachter wie Robert Basic als „Ingenieursbrei“ bezeichnete.

b) Google startete vollmundig den Verkauf eines eigenen Smartphones über einen eigenen Online-Shop, das nur wenige Kunden fand und
gnadenlos Googles Defizite im Bereich von Kundendienst und Vertrieb aufzeigte. Sang- und klanglos verabschiedete sich Google von diesem Experiment.

c) Google stieß Politik und Öffentlichkeit in Deutschland vor den Kopf, weil das Unternehmen ihnen nicht zum richtigen Zeitpunkt die zuständigen Datenschützer in angemessener Form darüber informierte, dass man bei Street View nicht nur Fotos schießt, sondern auch WLAN-Daten einsammelt. Schlimmer noch: Google sammelte aufgrund von technischen Fehlern bei seinen Street View-Fahrten Passwörter, E-Mails und anderen persönliche Daten ein und entdeckte dies aufgrund von lausigen internen Revisionsprozessen nicht.

Wieso unterlaufen Google solche Fehler? Dodges Blog-Eintrag zeigt anschaulich, warum Google aufgrund seines Führungs- und Managementmodells geradezu dazu verdammt ist, Fehler zu machen und sie immer wieder zu wiederholen.

Don Dogde kam zu Microsoft, als sein damaliger Arbeitgeber Groove Networks vom Riesen aus Redmond aufgekauft wurde. Nun arbeitet er seit einem halben Jahr bei Google und zieht Bilanz. Er  berichtet von einem Abend im Googleplex, an dem um acht Uhr noch 400 Google-Mitarbeiter in der Kantine sitzen (Larry Page sitzt an seinem Nebentisch.) und erklärt dabei, wie seiner Ansicht nach Google funktioniert und warum man so erfolgreich ist.

„Die Atmosphäre bei Google stahlt Selbstvertrauen, Erfolg, Optimismus, Hingabe, harte Arbeit und Gewinnen aus. Es ist das Äquivalent des Arbeitsleben zum Mitspielen bei den New England Patriots* und zum Gewinnen des Super Bowls. Diese Atmosphäre des Gewinnens sorgt dafür, dass jeder noch härter arbeitet und mehr erreicht, als er das anderswo tun könnte“, schreibt er.

Über die Führungskultur beim Onlineriesen sagt er: „Die Ingenieure regieren!“, wobei hier natürlich nicht Maschinen- und Anlagenbauer, sondern vor allem Programmierer – Software Engenieers – gemeint sind. „Google wirbt nur die besten Ingenieure an. Die Legenden rund um die komplexen Interviewfragen und Programmier-Probleme sind wahr. Erfolge in der Ausbildung werden bei Google sehr gewürdigt.“

„Ingenieure findet man auf allen Ebenen bei Google, das fängt an der Spitze an. Fast alle im Top-Management bei Google haben einen Ingenieurs-Hintergrund.“ Das gelte auch für Bereiche wie Marketing, Vertrieb, Geschäftsentwicklung und Produktmanagement, bei denen ein Informatikabschluss ja eigentlich nicht zwingend die Vorrausetzung dafür ist, in diesem Bereich qualifiziert zu sein.

„Der Ingenieurs-Hintergrund bringt eine Strenge in die Prozesse, die Annahmen hinterfragt und genaue Daten für den Entscheidungsprozess verlangt. Das heißt nicht, dass jede Entscheidung perfekt sein wird, aber sie wird auf Grundlage von Daten getroffen … nicht Meinungen.“
Nun ist es eine Sache, Dinge aufgrund einer möglichst guten Informationsgrundlage zu entscheiden.

Wenn aber in einem Umfeld, dass ohnehin von Technologieeuphorie und der Auffassung, dass alles machbar (und beherrschbar) ist, Zahlen grundsätzlich eine größere Bedeutung beigemessen wird als Bauchgefühl, Empathie oder Argumente, die auf philosophischen, sozialen oder politischen Überlegungen fußen, kann das zu Problemen führten.

So wie Google tickt, kann es sein, dass die Entscheider den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, weil sie in einem eigenen Universum gefangen sind, in dem nur eine Art des Diskurses erlaubt ist und der gesunde Menschenverstand und das Bauchgefühl wenig Platz haben. Sie begegnen einem oft mit Unverständnis, wenn man Themen wie Vertrauen, Misstrauen und Verantwortung anspricht. „Etwas Böses würden wir mit Daten nicht tun“, sagte mir einmal ein Software-Entwickler im Googleplex, als ich ihn auf das automatische Mitlesen von E-Mails durch Google-Software bei Gmail ansprach. Er wirkte wirklich wie jemand, der nicht im Traum selbst Gmails mitlesen würde. Dass Menschen aber auch die Vorstellung, dass die Maschine mitliest, gruselig finden, konnte er partout nicht verstehen.

Chris Matyszczyk, ein Werbeprofi, der auf CNET bloggt, fasst alles, was Google durch diese Fixierung auf Ingenieurswissen, akademische Grade und natürlich auf Daten, Daten und nochmals Daten, abgeht, mit eine paar wunderbaren Sätzen zusammen:

„In meinen hübschen, wenn auch intellektuell unterlegenen Gedanken, sehe ich den Chef von Googles Marketing-Abteilung in einer Pariser Bäckerei gehen und die exquisiteste Pastete bestellen, sie probieren und das komplexe Wunder ihres Geschmacks genießen, bis seine Lippen so feucht sind, dass man es sich kaum vorstellen kann. Dann hört er die Damen hinter dem Verkaufstresen sagen: ‚Der Bäcker? Er hat einen Abschluss in Archäologie. Ein echter Google würde dann natürlich die Paste weglegen und aus der Bäckerei gehen. Das zumindest ist doch, was die Daten ihm raten würden, oder?“

Doch die Probleme gehen noch weiter. Die Entscheidungen bei Google können auch falsch sein, weil die Datenbasis fehlerhaft ist. Ich bezweifele, dass ob alle Zahlen, die sich die Googler bei Diskussionen austauschen, wirklich als Entscheidungsgrundlage taugen. Um etwa die Kosten zu kalkulieren, wie Google Booksearch haben Larry Page und Marissa Mayer per Hand Bücher eingescannt, gemessen, wie lange das dauert und versucht, daraus die Projektkosten zu extrapolieren, wie Randall Stross in „Planet Google“ schreibt)

Oder die Zahlengläubigkeit kann dazu führen, dass andere wichtige Aspekte einer Entscheidung nicht in ausreichendem Maße mit einbezogen werden. Google stellt die Objektivität über alles. Aber in der Praxis gibt es keine totale Objektivität, und Google sucht sie auch nicht, sondern blendet bestimmte Wissenssphären, etwa die Geisteswissenschaften, gezielt aus.

Der Managementberater Carsten Deckert weißt darauf hin, dass man „Wissen, das nicht über alle Wissensarten ausgeprägt ist“, gemeinhin als Halbwissen bezeichnet.

Die Ergebnisse des Google-Halbwissens, dieses zu kurzen Denkens, zeigen sich in der bereits umfangreichen Diskussion rund um Street View, oder Form der gefloppten Google-Produkte. Dass technische Brillanz nicht ausreicht, um ein Telefon zu vermarkten, dass auch Marketing, ein guter Vertrieb und ein zuverlässiger Kundenservice, der sich auf mehr als nur auf ein paar FAQs beschränkt, hätte man ebenfalls vorher wissen können.

Wenn Googles Ingenieurskult nur die Folge hätte, dass das Unternehmen bei ein paar Produkten daneben liegt und Lösungen entwickelt, die vor allem Ingenieure, aber nicht den Durchschnitts-Nutzer begeistern, wäre es ein internes Unternehmensproblem. Doch das, was Google tut, hat Folgen für viele ganz reale Menschen, etwa die, die Google Informationen über sich anvertraut haben.

Die Googler bedachten beispielsweise nicht, dass nicht alle Menschen davon profitieren, wenn ihre Mailkontakte ohne Vorankündigung per Default für alle Buzz-Nutzer sichtbar sind – etwa wenn gewalttätige Ehemännern ein Interesse daran haben, ihre entflohnen Ehefrauen aufzuspüren. Solche Szenarien sind sicher nicht bei vielen Googlern im Lebensalltag präsent. Also kommt man auch nicht daran, diese Konstellationen mitzubedenken, wenn man einen Dienst implementiert. Aber man müsste es, wenn man verantwortungsvoll Technologie entwickeln will.

Das Problem ist, die Folgen mitunter dramatisch sind, wenn eine Firma auf Steroiden Fehler macht. Was Google tut, ist bedeutsamer für die Welt als das, was zum Beispiel in einer Gieskannenfabrik geschieht. Deswegen muss die Frage erlaubt sein, ob Google von der Führungs- und der Firmenkultur her die Mittel hat, Fehler zu erkennen und bei Fehlentwicklungen gegenzusteuern. Dons Blog-Eintrag ist für diese Diskussion eine interessante Quelle.

So gut Google bei der Entwicklung von Diensten und beim Auswerten von Daten ist – der Umgang mit Menschen ist Googles Schwachstelle. Und das wird sich nicht ändern, so lange Google intern dem Kult der Ingenieure huldig, alles versucht, mit Hilfe von Zahlen und begründen und zu entscheiden. Google adressiert die eigene Betriebsblindheit nicht, sondern das Unternehmen kultiviert sie – durch eine Arbeitsatmosphäre und eine Führungskultur, wie Dodge sie schildert.

* ein US-Football-Team, das in Sachen Erfolgsverwöhntheit und Sympathie gut mit Bayern München vergleichbar ist.

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2 Kommentare zu „Googles betriebsblinde Firmenkultur: Wenn allein Ingenieure regieren“

  1. lars sagt:

    interessanter hinweis, vielen dank!