Googles Strategie, Suchseitennutzer in China auf Server in Hong Kong umzuleiten, steht vor dem Aus. Im März 2010 hatte Google angekündigt, die Suche in China nicht länger nach Vorgaben der Behörden zu zensieren. Alle Benutzer der Suche auf google.cn wurden automatisch auf Googles Suche in Hong Kong umgeleitet. Die Suche dort ist nicht den Regeln unterworfen ist, die für Netzangebote in Festland-China gelten.
Mit diesem Arrangement hatte der Suchriese ein Weg gefunden, um trotz der Ankündigung, sich nicht mehr Chinas Zensoren zu unterwerfen, auf dem wichtigen Zukunftsmarkt China präsent zu bleiben. Nun versucht Google verzweifelt einen neuen – allerdings ziemlich mittelmäßigen Trick, um eine endgültige Konfrontation mit China hinauszuschieben.
Das Aus für das Weiterleitungsmodell ist definitiv. „Es ist in unseren Gesprächen mit der chinesischen Regierung deutlich geworden, dass sie die Weiterleitung inakzeptabel finden – und dass, wenn wir damit fortfahren, Nutzer weiterzuleiten, unsere Internet Content Provider-Lizenz nicht erneuert werden wird“, erklärt nun Google-Manager David Drummond.
Diese Lizenz läuft am 30.06 2010 aus. Ohne sie darf Google keine kommerzielle Webseite wie google.cn betreiben. Googles Webseite inklusive Weiterleitungsfunktion würde aus dem chinesischen Internet verschwinden. Google wird die Weiterleitung deshalb bald abschalten, kündigte Drummond an.
Zugleich beantragt das Unternehmen eine neue Provider-Lizenz. Statt einer direkten Weiterleitung will Google einen Link auf die Hong Kong-Suche auf seine China-Seite integrieren und dort weiter Dienste wie die Übersetzungsmaschine Google Translate anbieten, die von den Zensur nicht betroffen sind.
Ist das nun der Kotau vor der chinesischen Zensur. Meiner Ansicht nach ist er das nicht – oder genauer gesagt: noch nicht.
Google versucht mit dem Kompromissangebot, weiterhin mit einem Bein in China präsent zu bleiben. Laut dem China Internet Network Information Center gab es Ende 2009 es mehr als 384 Millionen chinesische Internetnutzer.
Angesichts dieses Marktes will Google nicht völlig mit der chinesischen Regierung brechen und versucht ein Ausweichmanöver. Es verlagert mit dem Abschalten der automatischen Weiterleitung und dem Platzieren eines Links auf die Hong Kong-Suche die Verantwortung für die Zensur „weg von Google und legt sie in den Schoß der chinesischen Netznutzer“, wie MG Siegler bei TechCrunch kritisiert. Sie könnten ja etwa bei Begriffe wie “Dalai Lama” auch die unzensierte Suche nutzen, wenn sie wollen.
Das klingt lahm, und das ist auch lahm – und es ist sehr viel inkonsequenter als die Haltung, die Google zu Beginn des China-Rückzugs an den Tag legte.
Ob China sich nun mit diesem Kompromiss zufrieden gibt? Wahrscheinlich ist das nicht. Google hat China herausgefordert wie noch kein Hightech-Unternehmen zuvor. Google hatte beim Start von Google China erklärt, man wolle kontinuierlich beobachten, wie sich die Bedingungen in China entwickeln würden. Die meisten Menschen hatten diese Versicherung nur für einen Marketing-Spruch gehalten.
Ende 2009 hatte Google Hackerangriffe auf eigene Systeme entdeckt, die laut Google nach China zurück zu verfolgen waren. Unter anderem hatten Hacker bei von Computerexperten Aurora-Attacken getauften Angriffen versucht, Google-Code zu stehlen und bei Google gehostete Mailkonten von china-kritischen Menschenrechtsaktivisten und Journalisten auszuspähen.
Diese Angriffe hatten im Googleplex heiße Diskussionen ausgelöst. Im ihrem Zuge prallte der pragmatische Geschäftssinn von CEO Eric Schmidt voll auf das Unbehangen des Immigranten-Sohnes und Google-Mitgründers Sergey Brin. Brin hatte mit seiner Familie in Russland erlebt, wie es sich anfühlt, wenn das Recht auf freie Meinungsäußerung und unzensierte Nachrichten eingeschränkt wird.
Dazu kam, das Google die Hackerattacken wirklich persönlich nahm. „Google ist ein Unternehmen mit einer Ingenieurskultur“, erklärte der Google-Kenner Danny Sullivan. „Und für diese Ingenieure sind ihre Kreationen wie ihre Kinder. Die mutmaßlich chinesischen Hacker-Attacken sind für Google wie ein Angriff auf die eigenen Kinder. Ich glaube, das ist eine Grenze, bei der es Google einfach nicht zulassen wollte, dass jemand sie überschreitet.“ Und weiter schrieb er: „Ich bin zwar kein China-Beobachter, aber ein langjähriger Google-Beobachter. Wenn ich mir ansehe, wie das Unternehmen reagiert hat, durch den Blickwinkel meines Wissens über das, was Google tut und warum es Dinge tut, ist dies in allererster Linie eine persönliche Angelegenheit.“
Beides zusammen führte dazu, dass Google-Führung den Zensoren die Stirn bieten wollte. David Drummond, einer der ranghöchsten Google-Manager, verkündete im Januar 2010 das Ergebnis der Diskussionen. „Die Attacken und die Lauschangriffe, die durch sie ans Licht gekommen sind, haben uns – zusammen mit den Versuchen im letzten Jahr, das recht auf freie Meinungsäußerung im Web noch weiter einzuschränken – zu dem Schluss gebracht, dass wir die Machbarkeit unserer geschäftlichen Vorhaben in China überprüfen müssen. Wir haben entschieden, dass wir nicht länger gewillt sind, weiter unsere Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren. Deshalb werden wir in den nächsten Wochen mit der chinesischen Regierung die Grundlage diskutieren, auf der wir innerhalb des Gesetzes eine unzensierte Suchmaschine betreiben können.“
Bis Ende März zogen sich die Verhandlungen hin, dann waren sie an einem toten Punkt angelangt. Mit den Maximalforderungen hatte man sich in Mountain View in eine ausweglose Situation manövriert. Chinas Führung hätte das Gesicht verloren, wenn man Google gegenüber nachgiebig werden würde.
In der Firmenzentrale war die Erkenntnis gereift, dass die chinesische Regierung nicht einen Millimeter von ihrem Standpunkt abrücken würde. Also zog Google Konsequenzen. „Gestern haben wir die Zensur unserer Suchdienste gestoppt”, erklärte das Unternehmen in einer nüchternen Mitteilung.
Die Kalifornier verließen das Reich der Mitte aber nicht kampflos und schalteten Google.cn nicht einfach, sondern suchten eine googelige Alternative. Sie leiteten alle Suchanfragen aus Festland-China an Googles Dependance in Hongkong um. In der ehemaligen britischen Kronkolonie gelten nicht die rigiden Zensurbestimmungen, denen sich Internetfirmen in Festlandchina unterwerfen müssen.
Die Öffentlichkeit war begeistert. Google war ein Top-Thema.
Organisationen wie Reporter Ohne Grenzen applaudierten. An der China-Zentrale von Google in Beijing legten Menschen Blumen nieder, und der chinesische Künstler und Regie-Kritiker Ai Weiwei, dessen Gmail-Konten im Jahr zuvor ebenfalls von Hacker ausspioniert worden waren, erklärte, dass es ermutigend sei “für das chinesische Volk zu sehen, dass ein führendes Internetunternehmen Zensur als Angriff auf grundsätzliche Menschenrechte und Werte ansieht. Aufzustehen und in einer Gesellschaft, in der diese Werte fortlaufenden Angriffen ausgesetzt sind, erfordert Mut und verdient moralische Unterstützung.”
Für einige Wochen war Google wieder das, was das Unternehmen einmal war: Google, das waren die Guten, die charmanten Technikhelden, die letztlich doch ihrem Versprechen, nichts Böses zu tun, treu geblieben waren. Wenn chinesische Netznutzer über Hongkong etwas suchten, würden sie auch ungefilterte Ergebnisse zu Tabuthemen zu sehen bekommen, die zuvor von Google China ausgesiebt worden waren.
Kritiker warfen Google zwar vor, mit der China-Entscheidung vor allem das inzwischen etwas lädierte Image in den Vereinigten Staaten und Europa aufpolieren zu wollen. Doch hinter dem China-Rückzug – der immerhin bedeutet, dass Google auf einem der spannendsten Märkte der Zukunft Wettbewerbern wie Baidu oder Microsofts inzwischen neu aufgebauter Suchmaschine Bing das Feld zu überlassen – steckt mehr ein PR-Manöver, wie mitunter spekuliert wird.
Angesichts der Bedeutung des Zukunftsmarkts China wäre es vermutlich das teuerste PR-Manöver aller Zeiten. Fachleute schätzen zwar, dass der Rückzug Google gegenwärtig nicht allzu teuer kommt. Im Reich der Mitte erwirtschaftete Google laut einer Schätzung von Analyst Youssef Squali von Jefferies & Co zum Zeitpunkt der Zensur- und Hackerkrise ein bis zwei Prozent des Unternehmensumsatzes. Einen Umsatzrückgang um 250 bis 300 Millionen Dollar kann Google angesichts des starken Wachstums in fast allen anderen Ländern der Welt problemlos verschmerzen.
Für die Zukunft aber sind Googles Aussichten vor allem angesichts des agilen Konkurrenten Baidu, der Aktienanalysten zufolge die Hälfe von Googles Umsatz übernehmen dürfte, düster. Google muss, wenn es konsequent bleibt, sich in wesentlichen Bereichen wie der Websuche vom größten Wachstumsmarkt der Internetwirtschaft verabschieden. Seit 1997 ist die Zahl der Netznutzer in China um das 617-fache gestiegen, und die Nutzerbasis wächst rasch weiter wie sonst kaum auf der Welt. Leichtfertig und aus PR-Gründen gibt niemand dieses Chance auf.
Vielmehr scheint es, als hätte Google nicht erwartet, dass die chinesische Regierung weiterhin so unnachgiebig bleiben würde. Sie schlug vehement zurück, erließ strenge Regeln für die Medien im Land, wie diese über den “hochbedeutenden Vorfall” zu berichten haben. Verlage und Chefredakteure wurden vom Ministerium für Öffentlichkeitsarbeit angewiesen, bei der Berichterstattung über Googles Manöver ausschließlich Material von Regierungs-Webseiten zu verwenden. Die Veröffentlichung eigener Meinungen wurde verboten, Betreiber von „Foren, Blogs und anderen interaktiven Medien-Webseiten“ aufgefordert, alle Texte, Bilder und Videos zu entfernen, „die Google unterstützen“.
Nun stellt sich die Frage, ob sich die Gemüter so weit beruhigt haben, dass Googles magerer Kompromissvorschlag konsensfähig ist. Das White Paper “The Internet in China” des Information Office of the State Council of the People’s Republic of China, dass vor kurzem auch als Reaktion auf Googles Provokation der Staats- und Zensorenmacht veröffentlicht wurde, spricht allerdings dagegen.
„Das Internet aufzubauen, zu nutzen und zu verwalten ist ein Thema, das das nationale wirtschaftliche Wachstum und die Entwicklung ebenso betreffen wie die Staatssicherheit und die soziale Harmonie, die staatliche Souveränität und die Würde“ steht dort.
Diese Formulierung lässt wenig Hoffnung, das China seine strikte Politik der inhaltlichen Reglementierung von Netzinhalten in nächster Zeit ändern oder Toleranz für technische Kniffe wie Links und Weiterleitungen auf ungefilterte Inhalte aufbringen wird.
Das Dokument stellt klar, dass niemand in China Informationen verbreiten darf, die gegen die Prinzipien der chinesischen Verfassung verstoßen. Dazu gehören Inhalte, die „ethnischen Hass schüren“ (worunter auch Berichte über die Menschenrechtssituation in Tibet oder Xinjiang fallen), gegen „die religiöse Politik des Staates“ gerichtet sind oder „Aberglauben verbreiten“ (wie es etwa in den Augen der Regierung die Falun Gong-Sekte tut).
Dass Google mit seiner Link-Lösung Erfolg haben wird, halte ich vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich. Der Punkt wird kommen, wo Google sich entweder ganz mit der Suche aus China zurückziehen oder vor der chinesischen Regierung zu Kreuze kriechen muss.
Allerdings ist Google trotz allem nicht aus dem Spiel, was China angeht. Eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeitet bis heute in China Das Unternehmen wäre also nicht unvorbereitet, wenn sich die Verhältnisse in China ändern und es doch wieder Chancen gibt, Produkte wie die Suche in chinesischer Sprache anzubieten.
Google liefert außerdem weiterhin für viele chinesische Webseiten die Online-Anzeigen. Auch mobile Netze beliefert Google mit Suchergebnissen, Daten und Werbung . Der größte Trumpf in China ist aber Android. Googles Mobilsystem ist besonders bei asiatischen Mobiltelefonherstellern extrem beliebt. Android, läuft, seit es im Januar 2010 in China vorgestellt wurde, auch dort auf immer mehr der 181 Millionen Handys, die zum Surfen im Internet genutzt werden.
“PC pro”-Blogger Stuart Turton glaubt deshalb, dass das Ende der China-Suche Google nicht besonders weht tun würde. „Google tat so, als sei seine Haltung zu China ein unerschrockenes Spiel. Blödsinn. Man hat ein Paar Zweier fallen gelassen, weil man noch drei Könige im Ärmel hat. Das brachte Google die Sympathie des Publikums und stützte seine bröckelnde ›Don’t be evil‹-Fassade, dazu kam die Dankbarkeit der US-Regierung.“
Ganz falsch ist das nicht, trotzdem halte ich das für überzogen, denn Google wird so oder so einen hohen Preis für seine China-Haltung zahlen.
Entweder stößt es China vor den Kopf und wird in seiner Königsdispziplin- und das ist immer noch die Web-Suche – in China nicht antreten können. Wie teuer das Google in zehn Jahren kommen kann, lässt nicht abschätzen. Oder Google stößt heute die westliche Welt vor den Kopf, wenn es nun auch noch die ohnehin schon nicht besonders mutige Link-Lösung aufgibt, wenn China sich weigert, dem Unternehmen eine Internet-Lizenz zu erteilen. Auch das würde Google enorm schaden. „Wenn Google hier nicht glaubwürdig und konsequent bleibt, dürften das Nutzer in Ländern, die derzeit für Google vom Umsatz viel wichtiger sind, kaum verzeihen“, habe ich mal Tagesschau.de gesagt. „Dann wäre in den USA, Großbritannien und in Deutschland die Hölle los, und in diesen Ländern verdient Google jetzt und auf absehbare Zeit das meiste Geld – viel mehr als in China.“
Schlagworte: China, Filter, Googles Unternehmenspolitik, Internet in China, Link, SCIO, Websperren, Zensur
















Zu dem letzten Absatz:
Soso. Worauf stützt sich die Aussage, dass Google es enorm schaden würde, wenn es die Link-Lösung aufgibt? Gibt es da Umfragen, Schätzungen? Quelle? “Analysen und Informationen” steht über deinem Blog.
Wenn also Google in China klein beigibt, ist bei uns (in USA, der EU, usw.) die Hölle los? Wie wird das aussehen? Wir hören alle auf, Google Search zu benutzen? Hm, und wohin gehen wir dann? Zu Microsoft und Yahoo – die genau das gleiche gemacht haben?
Oder wird Google im Westen gleich von Staats wegen verboten?
Lass uns mal deine Analyse hören. Und mit viel Informationen dazu, bitte.
Besten Dank, gute Frage, das vertief ich gern. Muss allerdings heute aktuell was anderes fertig schreiben, so dass ich um ein wenig Geduld bitten muss.
[...] mochte diesen Umstand aber so gar nicht und nun versucht es Google mit einem Kompromiss. Bei googlereport.de wird ausführlich über die Streitigkeiten zwischen Google und der [...]
[...] etwa als Reaktion auf die Umleitung von Googles China-Suche zur Google-Suche in Hong Kong oder den gegenwärtigen Ansatz, einen Link zur Hong Kong-Suche auf Google.cn zu platzieren – die Lizenz nicht erneurt, [...]