Googles Gegner: Warum Yandex in Russland die Nummer 1 ist

Die ganze Welt sucht mit Google. Die ganze Welt? Nicht ganz. In einigen Ländern schaffen es lokale Wettbewerber, Google auf Distanz zu halten. Russland ist so ein Fall. Warum Google dort an der Suchmaschine Yandex nicht vorbei kommt, erklären im Interview Nikolay Vasiliev, der beim Kaliningrader CMS-Anbieter Bitrix für den internationalen Vertrieb zuständig ist, und Bitrix-Marketing Director Denis Zenkin.

Auf das 1997 gegründete Webportal Yandex entfällt laut einer Statistik von Liveinternet.ru fast zwei Drittel aller Suchanfragen, auf Google rund 22 Prozent. Warum hat es Google nicht geschafft hat, Russland so im Sturm zu erobern wie viele andere Länder?

Googlereport: Wieso ist Yandex in Russland die Nummer Eins in der Suche, und nicht Google?

Denis Zenkin: Das hat damit zu tun, dass Yandex ein russisches Unternehmen ist.
Auf Yandex ist man stolz, Google wird von vielen als ein Eindringling gesehen. Yandex hat eine tolle Suchtechnologie aufgebaut. Google will nun Yandex verdrängen. Das ist so das Empfinden bei vielen russischen Netznutzern. Also, wenn ich suche, suche ich mit Yandex, sagen die Leute, einfach weil sie stolz sind, Russen zu sein und Yandex eine russische Suchmaschine ist.

Nikolay Vasiliev: Yandex kann einfach besser russisch. Die russische Sprache unterscheidet sich ziemlich vom Englisch. Es ist eine Sprache mit sechs Fällen, vielen ausnahmen, und wir schreiben mit kyrillischen Schriftzeichen. Google wird hier zwar besser. Aber Google hat schwerer als im Englischen, den Inhalt von Dokumenten und Anfragen zu erfassen.

Denis Zenkin: Yandex geht auch besser auf die Bedürfnisse russischer Nutzer ein, zum Beispiel mit einer automatischen Transformation von lateinischen und kyrillischen Zeichen.

Googlereport: Wozu ist das gut?

Nikolay Vasiliev: Man wechselt als oft in und her, mal sucht und schreibt man auf Englisch, wenn man in Russland arbeitet, dann wieder auf Russisch. Oft tippt man etwas, und das Keyboard ist auf lateinische Schriftzeichen eingestellt und man denkt, die kyrillischen Schriftzeichen sind aktiviert.
Diese automatische Umwandlung der Schriftzeichen ist ein Feature, das die Leute unheimlich viel benutzen.

Denis Zenkin: Yandex setzt außerdem auf ein anderes Konzept als auf die karge Homepage von Google. Bei Yandex hast du ein Portal, du findest zum Beispiel Meldungen über die Fußballweltmeisterschaft. Das gefällt den Leuten. Und Yandex macht auch Werbung in der U-Bahn, das ist etwas, was vor allem unerfahrene Netznutzer sich merken.

Googlereport: Ist Yandex denn Google in allen Belangen überlegen?

Nikolay Vasiliev: Google hat eine größere Bandbreite von Diensten, die kann Yandex nicht anbieten.

Denis Zenkin: Nein, es gibt Dinge wie Bilder, die suche ich mit Google, weil es besser funktioniert. Aber da, wo Yandex helfen kann, nehme ich Yandex, zum Beispiel bei der Nachrichtensuche oder bei Maps. Die Karten von Yandex sind sogar deutlich besser als die von Google Maps, vor allem, wenn man sich die Informationen über Russland ansieht. Yandex hat einen sehr aktuellen Kartenbestand zum Beispiel von der Region um Kaliningrad, Google hat einen alten Kartenbestand.

Googlereport: Wie unterscheidet sich denn Yandex-Nachrichtensuche von der von Google?

Denis Zenkin: News nutzt andere Agenturen als Google, aber es ist ein ähnliches Angebot.

Googlereport: Auf den Yandex-Maps pappt ähnlich wie bei vielen Google-Diensten das Etikett „Beta-Version“, und auch sonst klingt es, als seien sich diese beiden Unternehmen sehr ähnlich.

Denis Zenkin: Das sind sie auch. Auch bei Yandex gibt es gibt ein lockeres Arbeitsklima. Arkady Volozh, der Gründer, ist ein Star in der russischen Unternehmensszene, der so wie die Google-Gründer als Visionär verehrt wird.

Nikolay Vasiliev: Und sie haben auch eine Art „Dont be evil“-Politik. Sie überlegen immer: Ist das, was wir tun, gut für unser Karma? Wollen wir unsere Antispam-Lösung im großen Stil vermarkten? Nein, das wäre schlecht für unser Karma. Sie sind keine Buddhisten, das ist einfach ihre Artund Weise, auszurücken, dass sie vorsichtig vorgehen und sich viele Gedanken darüber machen, was ein Schritt von ihnen für Folgen hat.

Googlereport: Könnte Google nicht mit Zukäufen russischer Unternehmen seine Marktposition ausbauen und das nötige lokale Know-how gewinnen, oder wenigstens mit ihnen kooperieren?

Denis Zenkin: Im Prinzip ist das denkbar, aber es ist für Google sehr schwierig, weil die russischen Kartellbehörden hier oft Einspruch einlegen. Mail.ru ist eine der erfolgreichsten Webseiten in Russland, ein Mailservice mit eigenem Portal. Dort wurde sehr lange eine Suche von Yandex eingesetzt. Seit Ende 2009 kommt dort Google als Suche zum Zuge.
Das wäre ein Partner, der Google sehr voran bringen würde, aber ob die Kartellbehörde eine engere Zusammenarbeit gestatten würde, weiß man nicht.

Nikolay Vasiliev: Google versuchte im Juni 2008 auch, dem Online-Medienunternehmen Rambler Media seinen Werbedienstleister ZOA Begun abzukaufen, aber auch das haben die Behörden nicht erlaubt.

Denis Zenkin: Der russische Staat versucht, die Alternativen, die es zu Google gibt, zu beschützen. An Yandex hat der russische Staat eine Goldene Aktie. Es gibt keine Entscheidung gegen ihn, was Partnerschaften und einen Verkauf angeht.

Googlereport: Ist das nicht wettbewerbsfeindlich?

Denis Zenkin: Das kommt darauf an, welche Bedeutung man Suchmaschinen zuschreibt. Wenn man Suchmaschinen wie Medienunternehmen betrachtet – was sie ja sind, sie sind in meinen Augen Masseninformationsmedien – dann können Eingriffe sinnvoll sein.

Googlereport: Nimmt der russische Staat denn auch Einfluss auf die Suchergebnisse, die Yandex anzeigt, so wie es die chinesische Regierung durch ihre Zensurinfrastruktur und ihre Gesetzgebung bei Baidu tut?

Denis Zenkin: Das kann man nicht erkennen. Vielleicht tut er das, aber dann wäre es sehr subtil. Die Leute habe nicht das Gefühl, dass Yandex zensiert wird. Die Nachrichten werden alle angezeigt, egal ob sie regierungsfreundlich oder kritisch sind. Eine andere Frage ist, wer die Nachrichten generiert und wem die Agenturen gehorchen.

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