Google ermöglicht es Nutzern in den Vereinigten Staaten und Kanada ab jetzt, direkt aus ihrem Online-Mailprogramm Google Mail über Google Voice Telefonate zu führen. Da hat das Unternehmen gestern mitgeteilt. Anrufe innerhalb der USA und Kanada sind umsonst. Bei internationalen Gesprächen werden aber Raten fällig, die nicht unbedingt als Schnäppchen durchgehen. Und die Digitalisierung und Indexierung aller Gespräche durch Google, die ein wichtiger Teil von Google Voice ist, wirft ebenfalls Fragen auf.
Online-Telefondienste wie Skype sind klasse, weil sie es erlauben, für wenig Geld rund um die Welt Gespräche zu führen. Auch die Integration von Voice in Google Mail kam bei den Nutzer gut an: Binnen 24 Stunden wurden über das neue Netztelefonangebot eine Millionen Gespräche geführt.
Google hat 2009 das IP-Telefonsoftwareunternehmen Gizmo gekauft – aber nicht nur, um Skype Konkurrenz zu machen.
2007 hatte Google bereits GrandCentral gekauft, einen Anbieter von Software, mit der man IP-basierte Telefonat organisieren und managen kann – und die Sprache direkt in Text konvertiert.
Jeder Nutzer bekommt eine einzige Telefonnummer zugewiesen, über die er erreichbar ist. Der Nutzer kann einstellen, ob die eingehenden Gespräche dann wahlweise an das eigene Mobil- oder Festnetztelefon, an den Rechner, an alle Endgeräte gleichzeitig oder an gar keines weiter geleitet werden. Je nach eingehender Nummer können die Reaktionen auf die Anrufe auch einzeln konfiguriert werden.
Die die in Schriftform gebrachten Gespräche können außerdem auch praktisch als Mail beantwortet werden, und die Telefonate werden durchsuchbar wie das eigene Mail-Konto.
Genau dadurch ist Google Voice aber auch mit Vorsicht zu genießen. Aber damit lassen sich alle Telefonate auch für Google problemlos durchsuchen, analysieren und katalogisieren. Und das bedeutet unter Umständen auch, dass die Webcrawler von anderen Suchmaschinen sie finden und indexieren können.
Im Oktober 2009 gelangten so einige Nachrichten auf der Anrufbeantworterfunktion von Google Voice in die Öffentlichkeit.
Schon diese wenigen Nachrichten zeigten, wie sensible Telefonate sein können, wenn sie publik werden. In einzelnen Fällen gelangten so private Telefonnummern ins Netz. Gleiches galt für die Aufzeichnung eines Anrufs eines Christen, der darüber berichtet, wie er an einigen Orten versucht hat, Menschen zu missionieren.
Google hat in der robots.txt-Datei der Voice-Seiten Änderungen vorgenommen, damit die Texte dort nicht mehr von externen Suchmaschinen indexiert werden können. Google selbst aber kann die Gespräche ebenso maschinell auswerten wie die Mails in Google Mail.
Wenn das nicht stört, für den ist Google Voice aber schon jetzt eine praktische Anwendung, der in vieler Hinsicht Skype ebenbürtig ist – und durch die Integration in Google Mail vielleicht sogar noch mehr Komfort aufweist.
Alle Anrufe enden in der Kontakt-Datenbank, die in Google Mail integriert ist – “which gives Google some nice lockin, by the way“, wie der Suchmaschinenexperte Danny Sullivan schreibt. Soll heißen: Natürlich ist die Integration von Voice in Mail für Google attraktiv, weil es für manchen nicht nur ein Grund mehr für das Anlegen eines personalisierten Google-Kontos ist. Auch das Konto irgendwann wieder aufzugeben, fällt schwerer, weil man bereits einen Teil seiner Kommunikation und seiner Kontakte auf einen Dienst umgeleitet hat, der nicht so einfach durch einen anderen Dienstleister ersetzt werden kann. Einen neuen Mail-Provider finde ich vielleicht schnell – aber finde ich auch einen, der auch integrierte IP-Telefonie anbietet?
Wann die Voice-Integration auch für Deutschland verfügbar ist, ist noch unklar. Wer gar nicht warten kann, kann aber, so Sullivan, einfach in seinem Google Mail-Konto die Spracheinstellung auf „US English“ umstellen und dann als angeblicher US-Nutzer kostenlos in die USA und nach Kanada IP-Telefonate führen.
Die Preise, die Google dagegen für internationale Gespräche anbietet, sind zunächst kein Grund, auf Google Voice zu nutzen. Sie sind nicht immer konkurrenzfähig, erklärt Sullivan. Er weist darauf hin, dass Anrufe mit Pre-Paid-Telefonkarten von den USA nach Großbritannien deutlich billiger als ein Anruf mit Google Voice ist, und er hält außerdem auch auf Skypes Tarife für attraktiver.
Doch für Google wird möglicherweise der Umsatz durch Telefonminuten bei der Integration ohnehin weniger im Vordergrund stehen als die Strategie, weiter dafür zu sorgen, dass die eigenen Dienste für die Nutzer so attraktiv sind, dass sie – vielleicht sogar trotz Datenschutzbedenken – Google treu bleiben und die Transkationskosten für einen Anbieterwechsel in die Höhe getrieben werden.
Die Unternehmensberater von Frost & Sullivan vermuten allerdings, dass Google noch ein weiteres Ziel hat: Den Einstieg in den Markt der Unified-Communication & Collaboration (UCC)-Lösungen. Auch wenn manche Web-Bewohner, die zwischen Schreibtischrechner, Laptop, zwei, drei Smartphones und dem heimischen Festnetzanschluss hin und her switchen müssen, sicher auch ein offenes Ohr für solche Lösungen haben, ist das einheitliche Kontaktmanagement vor allem für Unternehmen attraktiv.
Die Übernahmen von GrandCentral, und Gzimo5, aber auch von Firmen wie 2Web Technologies und Marratech, hätten gezeigt, dass der UCC-Markt eine der Richtungen ist, in die Google voranschreitet. „Obwohl Google diese Strategie nicht öffentlich verkündet hat, ist klar ersichtlich, dass das Unternehmen erfolgreich in den UCC-Markt einsteigt, indem es seinem Portfolio kontinuierlich neue UCC-Anwendungen hinzufügt und sich darauf konzentriert diese zu integrieren“, sagt Branchenanalystin Dorota Oviedo.
Google ist in diesem Bereich zwar ein Neueinsteiger, dürfte aber mit seiner pro-aktiven Vorgehensweise, seinem reichlich vorhandenen Kapital und Personalressourcen in den nächsten Jahren zu einem bedeutendem UCC-Teilnehmer entwickeln, erklären die Berater. Sie rechnen damit, dass vor allem kleine und mittelständische Unternehmen das Gesamtkommunikationspaket von Google nutzen werden und gehen davon aus, dass eine Firmenversion von Google Voice noch Ende 2010 veröffentlicht wird.
P.S. Hier noch Googles Werbevideo für die Integration der Dienste.
Schlagworte: Gizmondo, Google Mail, Google Voice, GrandCentral, IP-Telefonie, Skype












