244.237 mal Nein zu Street View

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Google hat bekannt gegeben, wie viel Anträge auf die Unkenntlichmachung eines Hauses im Rahmen des Internetdienstes Street View bis zum Ende der Vorab-Widerspruchsfrist in der letzten Woche bei dem Netzriesen eingegangen sind. 244.237 Einsprüche sind bei Google angekommen. Und die Netzgemeinde diskutiert nun: Ist das eigentlich viel oder wenig?

Knapp drei Prozent der Menschen, deren Häuser im Zuge von Street View erfasst wurden, haben einen Widerspruch an Google geschickt, erklärte Andreas Türk, Produktmanager für Street View in Deutschland, in einem Blogeintrag. „Zwei von drei Anträgen wurden dabei über unser Online-Tool eingereicht“, heißt es dort. Google-Sprecher Stefan Keuchel und viele andere Netznutzer halten das für keine hohe Widerspruchsquote.

Ich bin da anderer Ansicht. Ich halte es für bemerkenswert, dass einige hunderttausend Menschen sich so viele Gedanken zu diesem Thema gemacht und sich durch das relativ umständliche Meldeverfahren gekämpft haben. Sie haben sich bewusst an der Gestaltung der Spielregeln beteiligt, die in Zukunft für eine Gesellschaft gelten sollen, die Vernetzung und Digitalisierung immer stärker prägen werden. Das ist absolut nicht selbstverständlich.

Zum Vergleich: Der Aktion Quit-Facebook-Day, bei der sich Facebook-Nutzer wegen der datenschutzfeindlichen Nutzungsregeln und dem laxen Umfang des Netzwerks mit den Daten seiner Nutzern von Facebook verabschieden sollten, schlossen sich bis heute (der Screenshot ist ein paar Wochen alt) nur knapp 38.000 Menschen an.

Und die mussten sich nicht auf einer Onlineseite melden und dann einen per Brief übersandten Bestätigungscode noch einmal online eingeben, sondern einmal auf einen Button klicken. Das Thema ist datenschutzrechtlich viel, viel relevanter als Street View, das Mitmachen einfacher, die Aktion war eine weltweite, und trotzdem kam die Netzgemeinschaft nicht in die Gänge. Angesichts solcher Erfahrungen muss man zusammenfassen, dass es extrem schwierig ist, große Nutzergruppen zu einem gemeinschaftlichen Handeln gegenüber den großen Netzdiensten zu bewegen.

Zugegeben: Die Widerspruchsbewegung hatte massive Unterstützung von so gut wie allen Medien und die Rückdeckung weiter Teile der oft von Sachkenntnis befreiten, aber dafür besonders emotional argumentierenden) Politik. Und Street View ist ein Thema, bei dem die Folgen der Digitalisierung und Vernetzung direkt auch für die Offline-Welt greifbar sind.

„Street View ist die greifbarste Verwandlung der analogen Realität in die digitale Öffentlichkeit“, schrieb Michael Seemann auf Carta. „Egal, ob man sich mit dem Internet auseinander gesetzt hat oder nicht, ob man bei Facebook, Twitter oder Flickr ist oder nicht, das Street-View-Auto steht plötzlich vor der Tür – und damit das Internet. Das Unbehagen um Street View rührt eben nicht davon, dass die Daten, die Google sammelt, tatsächlich sensibel wären. Nein, Street View ist der Einschlag des digitalen Zeitalters direkt vor die Füße des analogen Menschen.“

Aber diejenigen, die Street View skeptisch überstanden und stehen oder sogar bei Google Einspruch gegen die Veröffentlichung der Fassadenfotos eingereicht haben, hatten es auf der anderen Seite der Medienfront – im Netz selbst – alles andere als leicht. Wobei freundliche Ironie noch die nettere Form des Umgangs war.

Wahlweise werden sie als “gehirnamputierte Vollidioten“, “Kellerkinder” oder “Internetausdrucker” bezeichnet. Dass sie das, was sie da tun, nämlich in einem Bereich des Lebens mitentscheiden, und zwar so, wie es vielen Netzeuphorikern einfach nicht in den Kram passt, bewusst tun, wird ihnen unter dem Verweis, dass sie

a) eh das Internet nicht verstehen
b) grundsätzlich technikfeindlich sind
oder
c) in ihrem Privacy-Verhalten inkonsequent sind, weil sie ja auch mitunter Medieninterviews geben und mit Fotos in der Zeitung sind*, bei Facebook aktiv** sind oder Payback-Karten benutzen***

die Kompetenz dazu, richtig zu entscheiden, mal eben abgesprochen.

Oder auch gerne mal ganz die Berechtigung, mitzureden, wenn sowas Tolles wie das Netz weiter entwickelt wird – wobei überraschenderweise ein Großteil der Netzgemeinde Google naiv mit dem Gemeinwohl gleichsetzte. „Die Befürworter von Street View gehen davon aus, dass Google mit Hilfe des neuen Dienstes nicht weniger als eine „digitale Öffentlichkeit“ der Allgemeinheit verfügbar mache. Das genaue Gegenteil ist indes der Fall: Google eignet sich nun auch noch in einem bislang nicht gekannten Ausmaß unsere Öffentlichkeit an. Diese wird dabei nicht nur kommerzialisiert – die öffentliche Sphäre wird von den ökonomischen Interessen Googles geradezu durchdrungen und so am Ende selbst zur Ware“, schrieb Daniel Leisegang.

Also: Mitabzustimmen, ob und wie Häuserfasseden Teil eines digitalen Nutzungsszenarios werden, war wichtig und richtig, auch wenn es im Bereich des Datenschutzes wesentlichere Problemfelder (wie gesagt: Facebook, oder auch gerne immer mal wieder von mir erwähnt: Behaviroral Targeting) gibt.

Meine These ist außerdem: Auch die strunzdöfsten Internetskeptieker haben nicht nur das Recht, mitzureden, wenn auch ihre Zukunft mitverhandelt wird. Sie sind sogar meist gar nicht mehr so strunzdoof, wenn sich Chancen zur Partizipation ergeben. Und wenn ein gesundes Misstrauen gegen einfach intransparente Prozesse bei der Ablehnung von Street View aus dem Bauch heraus eine Rolle spielt, finde ich das auch eine eher gute als eine schlechte Entwicklung – vor allem angesichts der unkritischen, unreflektierten Technologieeuphorie, die im Netz die Diskurse beherrscht.

Übrigens: Dass die Widersprechenden nun mit ihrer Haltung das schöne Street View für Deutschland kaputt gemacht haben, muss übrigens niemand befürchten. Googles “Schmerzgrenze” wurde mit den knapp 240.000 Einsprüchen scheinbar nicht erreicht. „Wir sind nun kurz davor, Street View Bilder für die 20 größten deutschen Städte einzuführen”, schrieb Andreas Türk heute ebenfalls in dem Blogpost.

*das ist ja durch die vier legendären Renter aus Düsseldorf wirklich belegt, die nun wahre Netzberühtheiten sind
** ‘Witzigerweise hat ne sehr gute Freundin von mir mal genau das bei
Facebook gepostet: “So, der Widerspruch ist raus, Google kriegt meine Daten nicht!!!”‘, las ich bei Heise.
*** für die gerne mal in Foren und Kommentarspalte geäußerte Vermutung, Street View-Verweigerer = Payback-Nutzer gibt es keine Belege. Aber Vorurteile hat halt jeder mal gerne.

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3 Kommentare zu „244.237 mal Nein zu Street View“

  1. Ich denke auch das es eine ziemliche hohe Zahl von Einsprüch ist.
    Wenn ich mir überlege, dass damals bei der ePetition gegen die Indexierung und Sperrung von Netzseiten nur ca. 130.000 Personen unterschrieben haben und dies als hoher Wert betrachtet wurde. Bei der aktuellen ePetition zur Einhaltung der Beschlüsse der rot-grünen Regierung zur Laufzeit von Atomkraftwerken wurde gestern und somit ein Tag vor Ablauf der Frist erst die notwendige 50.000er Marke geknackt.
    250.000 Einsprüche? Das ist hinsichtlich des Aktivierungspotentials des Netzes ein sehr hoher Wert.

  2. Jetzt hab ich vergessen den Link zur aktuellen ePetition mit reinzulegen.
    Da die Abstimmung heute noch läuft, kann die Zahl von 250.000 ja noch übertroffen werden. Würde mich allerdings wundern.

    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=13587

  3. [...] hier den Beitrag weiterlesen: 244.237 mal Nein zu Street View « Googlereport – Google-Experte … [...]