Android ohne Google – Ein Selbstversuch

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Fast alle Smartphones haben eines gemeinsam: Auf ihnen läuft Android, das Betriebssystem, das Google ins Leben gerufen hat. 85 Prozent aller Smartphones werden heute mit Android ausgeliefert. Doch nicht alle sind mit dieser technischen Grundlage, die Hersteller wie HTC oder Samsung nutzen, zufrieden. Nun will die Free Software Foundation „Android befreien” – was mich dazu inspirierte, mir mal mein Fairphone vorzunehmen und zu sehen, wie hilfreich dieses Initiative zur Nutzung quelloffener Software ist.

Es gibt Leute, die sagen, Android ist im Grunde eine Art Trojanisches Pferd. Diese Begriff benutzte etwa die (vom Konkurrenten Microsoft maßgeblich finanzierte) Organisation Fair Search 2013 bei ihrer Pressearbeit rund um eine EU-Beschwerde der Vereinigung gegen Google. Doch den Vorwurf, dass “Offenheit” bei Android eher ein taktischer PR-Begriff als ein gelebtes Konzept ist, erheben auch andere. ars technica hat dazu einen der wesentlichen Artikel verfasst, in dem dargestellt wird, dass dies nicht nur für die per Definition nicht offen konzipierten Google Apps wie Google Mail, Calender und Maps gilt, sondern auch für als offene Bausteine konzipierte Teile des Android Open Source Project (AOSP).

Auch die Free Software Foundation kritisiert Android – allerdings vor allem, weil in der Android-Welt nach ihrer Ansicht zu viel Platz für prorietäre Lösungen ist.

“Android-Telefone kommen mit nicht-freier Software und proprietären Add-ons auf den Markt, die normalerweise nicht im vollen Interesse des Nutzers arbeiten. Software-Updates wird es nur so lange geben, wie der Hersteller noch ein kommerzielles Interesse an Ihrem Gerät hat. Die Programme (Apps), die über den offiziellen Android Market zu bekommen sind, sind in aller Regel nicht frei. Niemand hat die Erlaubnis, sie zu studieren, um zu verstehen, wie sie funktionieren und was genau sie auf dem Telefon wirklich machen. Manchmal laufen sie einfach nicht so wie gewünscht, manchmal beinhalten sie aber sogar gefährliche Funktionen.”

Viele Teile der Android-Software würden gegen die Interessen der Nutzer arbeiten und sie ausspionieren.

Dagegen haben die Software Aktivisten nun die Kampagne „Free your Android“ gestartet. Sie will die Nutzer motivieren, auf ihren Smartphones möglichst nur freie Software einzusetzen und ihnen so helfen, die Kontrolle über ihr Gerät und ihre Daten zurückzuerlangen. Denn bei freier Open Source-Software liegt der Quellcode offen. Jeder kann nachvollziehen, was die Software wirklich tut, geheimes Spionieren ist da ausgeschlossen. Ziel der Kampagne ist es deshalb, Nutzern zu helfen, möglichst viele Android-Anwendungen von Google und andere kommerziellen Anbietern durch Open Source-Software ersetzen. Ein schöner Anlass, man das Vorhaben Fairphone ohne Google umzusetzen.

Ich bin zwar kein Techie, deswegen gibt es bei mir auch nur die Light-Version beim „Smartphone befreien“. Alle Software vom Smartphone runter werfen und ein freies Betriebssystem aufspielen geht nicht per Drag & Drop, Firefox OS oder Unbuntu zurecht codieren fällt bei meinem Know-how eh aus. Mit Replicant und CyanogenMod empfehlen die Aktivisten Alternativ-Versionen von Android. Auf dem Fairphone funktionieren beide allerdings nicht allerdings nicht, was ich aber ehrlicherweise auch mit Erleichterung sehe.

Denn diese Smartphone-neu-rooten-und-dann-aus-Doofheit-bricken-Nummer ist mir ehrlicherweise zu heiß. Ich denke, das ist wirklich nur etwas für versierte Kenner, ich lasse die Finger von solchen Experimenten.

Was aber gut funktioniert ist, viele kommerzielle Apps – allen voran die Google Apps, die die Fairphone-Macher prominent zum Download auf dem Start-Bildschirm platziert haben – durch Open Source-Alternativen zu ersetzen. Dazu gibt es F-Droid, ein App-Store, der funktioniert so wie Google Play und andere App-Stores, von denen ich mir Programme ziehe: App aussuchen, draufklicken, fertig ist die Installation. So komme ich zum Beispiel an einen schlanken PDF-Leser, an VLC zum Abspielen von Musik und Filmen und an den Contact Merger, der mich hervorragend von Doubletten in meinen Kontakten befreit. Aber alle Apps, die es bei F-Droid gibt, bestehen eben aus freier, offener Software und haben keine Hintergrund-Funktionen, vondenen ich nicht weiß oder die ich nicht abstellen kann.

Das macht Spaß und geht einfach, und für viele Programme gibt es hier Alternativen. Ok, so ganz einfach ist das alles manchmal nicht. Man muss manchmal etwas fummeln, denn klar ist: Bequemer sind die datenschutzfreundlichen Methoden etwa zur Synchronisation von Kontakten oder Kalenderdaten nicht. Ja, es klappt auch, wenn man nicht über den Google Calender und Google Mail alles syncronisiert, sondern Umwege über CalDEV geht. Und kleine Jubel- und Aha-Momente entschädigen dann für das dauernde Nachschlagen von Anleitungen im Netz, das natürlich mehr Aufwand ist als das Nutzen von Google Calender oder iCloud. Aha-Erkenntnis, weil ich meist kritisiere, das Leute Komfort gegen Daten tauschen: Für die Daten, mit denen wir zahlen, bekommen wir wirklich etwas zurück in Form von eleganten Lösungen, die jeder nutzen kann.

Und manchmal gibt es auch einfach keine Alternativen, wer etwa Musikdienste wie Spotify oder Deezer auf dem Smartphone nutzen will, muss deren Apps nutzen, sonst geht es eben nicht.

Meine Lösung in vielen Fällen – etwa bei der Nutzung von Twitter und Facebook – ist der Browser, die mobilen Webseiten reagieren akzeptabel. Gut möglich aber, dass ich doch bei Twitter weich werde, weil ich die App schätze (im Gegensatz zu Facebook, das mobil nur via Paper zu ertragen ist).

Aber grundsätzlich funktioniert vieles auch mit Open Source Software und die mit Hilfe des F-Droid-App-Stores zu nutzen ist absolut machbar. So bekommt man kein 100 Prozentig abgedichtetes Telefon, aber doch zumindest eines, bei dem nicht alle Tore sperrangelweit offen stehen. Das kann jeder Durchschnittsnutzer problemlos schaffen.

Bildquelle: Life-of-Pix/Pixabay

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1 Kommentar zu „Android ohne Google – Ein Selbstversuch“

  1. Izzy sagt:

    Hi Lars,

    schön, ich bin nicht allein mit dem “Selbstversuch”, den ich vor etwa einer Woche endlich gestartet habe! Nachdem ich mir selbst eine Anleitung geschrieben habe (http://android.izzysoft.de/articles/named/android-without-google-1 ist der Start einer Artikelserie, die vom “Warum” in Teil 1 über freie Cloud-Alternativen wie ownCloud (2), dem Entfernen von Bloatware (3), und Alternativen zu den vorinstallierten Google-Apps (4) derzeit mit dem fünften Teil in einer Installations-Anleitung mit NOGAPPS gipfelt), setzte ich diese auch um, und protokolliere nun meine Erfahrungen – was dann in Teil 6 kommen wird. Bislang: Mein Akku scheint ewig zu halten ;) Nach gut 10 Stunden noch immer 99% übrig, während ein vergleichbar konfiguriertes vergoogeltes Gerät schon fast auf 80% runter ist…